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«Heute ist der Vatikan zu weit weg von den Menschen»
Jaroslaw Duda hat zwischen 1995 und 1997 bei Joseph Ratzinger studiert. Bild: Sibylle Meier
Papst-Rücktritt. In Bülach nimmt der katholische Pfarrer Jaroslaw Duda erfreut Kenntnis von der Rücktrittsmeldung aus dem Vatikan. Er möge dem Brückenbauer Joseph Ratzinger, bei dem er selber einst Dogmatik studierte, seinen Ruhestand gönnen, sagt er gleichzeitig erhofft er sich von einem neuen Papst die grossen Grundsatzdebatten.
Florian Schaer

Joseph Ratzinger wird per Ende Monat als Papst zurücktreten. Wie reagiert man als katholischer Pfarrer in Bülach auf diese Meldung?

Jaroslaw Duda: Die Nachricht hat mich gefreut, ich bin positiv überrascht. Der Papst hat gesagt «Ich habe die Kraft nicht mehr»; das ist ehrlich, das schätze ich an ihm. Er hat auf jeden Fall das Recht, sich zu erholen. Das mag ich ihm gönnen.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten bei Joseph Ratzinger studiert.

Das stimmt, ich habe zwischen 1995 und 1997 Dogmatik-Vorlesungen bei ihm besucht. Er war Gastdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Und wie war er als Dozent?

Er war ziemlich scheu und immer ein ausgesprochen bescheidener Mann; zum Beispiel hat er immer denselben schwarzen Pullover getragen. Und er war ein ausgezeichneter Theologe. Gleichzeitig würde ich sagen, er war viel mehr ein Denker als ein praktischer Mensch.

Wodurch hat sich das manifestiert?

Nun, er war auf jede Vorlesung bestens vorbereitet und konnte ohne Probleme stundenlang über ein Thema reden. Aber wenn man eine Frage stellte, hat er immer sehr viel Zeit gebraucht, um sie zu beantworten. Oft kam die Antwort erst in der nächsten Vorlesung. Und sie war nie schwarz oder weiss, nicht ja oder nein, sondern immer offen gehalten.

Finden Sie in seiner Art vielleicht einen Grund, warum er als erster Papst seit 1294 sein Amt freiwillig abgibt?

Ich war eigentlich viel mehr überrascht, als er das Amt 2005 angenommen hat. Er hatte sich, damals schon 78-jährig, in Bayern ein Haus gekauft. Und er hat uns Studenten mehrmals davon erzählt, dass er sich dort zur Ruhe setzen wolle. Dann wurde er plötzlich Papst.

Das klingt fast so, als ob er das Amt gar nie wirklich gewollt hätte?

Ich weiss, dass er schon damals gerne im Vatikan lebte und arbeitete. Zur Zeit, als ich bei ihm studierte, war er ja bereits seit einigen Jahren Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. Gleichzeitig erwähnte er jedes Mal, wie sehr es ihn freue, in seine Heimat Deutschland zurückzukommen. Später als Papst war er überzeugt von seiner Aufgabe als Pontifex, was auf Deutsch ja so viel heisst wie Brückenbauer. Er sah seine Rolle immer als Übergang zwischen dem Tod von Johannes Paul II. und einem neuen Papst. Wenn man seinen Rücktritt aus diesem Blickwinkel betrachtet, erstaunt sein Entscheid vielleicht etwas weniger.

Was ist Ihnen von Ratzingers Vorlesungen geblieben?

Seine Offenheit. Klar, in den 90er-Jahren war er bereits ein ganzes Stück konservativer, wenn man es mit seinen Schriften aus den 70ern vergleicht. Als er Chef der Glaubenskongregation war, hat man ihn seiner konservativen Art wegen auch den «Panzerkardinal» genannt.

Je höher das Amt, desto konservativer?

Das könnte man durchaus so verstehen. Trotzdem hat er seine Offenheit immer irgendwie behalten können. Immerhin hat er zum ersten Nachtessen nach seiner Wahl zum Papst seinen Theologie-Kollegen Hans Küng eingeladen, der als Papst-Kritiker schlechthin gilt.

Bis Ostern soll nun ein neuer Papst gewählt sein. Was erhoffen Sie sich konkret vom Nachfolger?

Einerseits müsste die katholische Kirche künftig mehr für die Ökumene tun. Dann sollte sie meines Erachtens das Eherecht überdenken, sodass wiederverheiratete Menschen auch offiziell voll in der Amtskirche dabei sein können. Schliesslich müsste es auch in Rom zur ganz dringlichen Debatte um das Frauenpriestertum kommen. Und ich hoffe auch darauf, dass das Zölibat für fakultativ erklärt wird. Wir haben viel zu wenig Priester. Allein hier in Bülach sind es mit den Kreisgemeinden 8000 Katholiken - und ich bin der einzige Geweihte; jede Beerdigung, jede Taufe, überall muss ich dabei sein. Ich habe ein gutes Team, das mir hilft, aber diese Leute haben sehr viele Aufgaben und kaum Kompetenzen. Das ist ein strukturelles Problem. Ich würde eine ganze Reihe von Familienvätern kennen, die sehr gute Priester wären.

Sie wollen überall an traditionellen Regeln der Kirche ansetzen. Das sind Werte, an denen auch das Pontifikat von Benedikt XVI. nichts verändert hat.

Das ist so. Ich denke, Joseph Ratzinger weiss, dass genau in diesen zentralen Punkten viele Fragen anstehen und dass der Druck wächst, die Kirche in gewissen Aspekten liberaler zu gestalten. Wenn er sagt, er habe die Kraft für das Amt nicht mehr, sagt er damit wohl auch, dass er diese grossen Diskurse lieber seinem Nachfolger überlassen möchte.

Ein Papst ist eigentlich auf Lebzeit gewählt, Ratzingers Rücktritt ist eine Sensation. Sie sind als Pfarrer auf sechs Jahre gewählt, und ein Rücktritt wäre kein Spezialfall. Ist das ein Vorteil?

Ratzingers Entscheid ist im Vatikan sehr speziell, weil er als sehr moderne Idee aufgefasst wird. Mir persönlich gefällt die Demokratie, wie wir sie hier haben, besser. Man ist näher bei den Leuten, und Seelsorge ist für mich immer eine Frage der persönlichen Beziehung. Dass das Volk den Pfarrer wählt, ist übrigens auch näher bei der Idee der Urkirche - ursprünglich wählten der Klerus und das Volk von Rom den Papst. Heute sind es die Kardinäle, und die leben in ihrer eigenen Welt, die nicht mehr wirklich existiert. Dadurch ist der Vatikan zu weit weg von den Menschen.

Was meinen Sie konkret mit «zu weit weg»?

Von Rom aus versteht man die Ängste und Sorgen der Menschen nicht. Die Menschen ihrerseits fühlen sich nicht wahrgenommen und wenden sich daher vermehrt von der Kirche ab. Ich glaube, dass viele Kirchgemeinden sich jetzt einen Papst wünschen, der sich mehr der Basis der Gläubigen zuwendet und nicht nur mit ausgewählten, zugelassenen Gästen spricht.

Und wie soll der Papst das umsetzen?

Heute spielen Medien und Kommunikationstechnologien eine wichtige Rolle. Der Vatikan muss den Kontakt zu den Menschen mehr suchen, daher würde ich dem neuen Papst vorschlagen, in seinen Beraterstab mehr Jugendliche, Kranke oder geschiedene Leute einzubinden.

Wie soll das gehen, wenn der Papst wiederum von denselben Kardinälen gewählt wird, von denen Sie eben gesagt haben, sie lebten in ihrer eigenen Welt?

Ja, da möchte ich realistisch bleiben: Die Veränderungen werden nicht ganz so schnell kommen, wie wir es uns jetzt wünschen. Dafür sind die Strukturen der Kirche zu starr, die Rituale und Abläufe traditionell zu stark verankert. Ich weiss, dass es auch unter den Kardinälen ein paar sehr offene Köpfe gibt. Das Gros der Veränderungen wird aber sowieso von der Basis der Gläubigen ausgehen und nicht von oben herab verordnet.

Wie auch immer, in Bülach ist man am Ende doch weit weg vom Vatikan - Bülachs Katholiken sind da doch flexibel.

Wir haben zumindest partikulares Recht für die Landeskirche, das von der Bischofskonferenz geschrieben wird. Aber einerseits hat diese Konferenz meines Erachtens zu wenig Kompetenzen erhalten, andererseits geht es bei Zölibat oder Frauenpriestertum um ganz grundlegende Fragen der katholischen Kirche. Diese Pfeiler können nicht einmal die Kardinäle verschieben - und ganz sicher nicht wir in Bülach.

Also hilft alles nichts: Sie müssen sich selber als Papst in Rom bewerben.

(Lacht.) Nein, nein. Mir ist der direkte Kontakt mit den Menschen wichtig. Ich sehe die Seelsorge in den Begegnungen mit Menschen; im Versuch, sie vor Ort wahrzunehmen und die Kirche menschlich zu gestalten. Das kann ich hier in Bülach viel besser als im Vatikan.

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