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SCHLAGZEILEN VOM DONNERSTAG, 09. SEPTEMBER 2010
Mittwoch, 25. November 2009
Regensdorf Vincenzo Di Benedetto revidiert alte Revox-Geräte
«Revox schmeisst man nicht weg»
In Fachkreisen trägt Vicenzo Di Benedetto den Namen Revox-Papst. Er haucht kränkelnden Revox-Geräten neues Leben ein. Eine Audienz bei ihm ist heiss begehrt. Sein Segen fast unbezahlbar.
Beatrix Bächtold
 
Aus der ganzen Welt kommen die Revox-Geräte zu Vincenzo Di Benedetto, denn er hat sie alle – die Ersatzteile. (beb)
 
Der Warenlift schiebt sich durch den klammen Schacht. Betonwand, Stahltür, Betonwand. Knarrend öffnen sich die Eisentüren. Vincenzo Di Benedetto empfängt gern Besucher in seinen heiligen Hallen. «Sehen Sie: übervoll, alles Aufträge. Man kann hier kaum mehr laufen.» Wie in einer Kathedrale richtet man den Blick nach oben und schnuppert den Geruch heisser elektronischer Komponenten. Plattenspieler, Tonbänder und allerlei Undefinierbares aus dem Reich der Elektronik türmen sich bis zur Decke.

Ein unachtsamer Schritt, und die Säulen könnten einstürzen – dann läge man begraben unter einer unvorstellbar grossen Masse an Ersatzteilen: Elektrolit-Kondensatoren, Dioden, Widerstände, Brücken-Gleichrichter, integrierte Schaltungen, Trimmpotenziometer. Viele davon nicht mehr nachbestellbar und von unschätzbarem Wert – gebunkert für die Ewigkeit.

Von Grund auf revidieren

In den 60er-Jahren kommt der junge Vincenzo als diplomierter Radiotechniker von Mailand zur Schulung in die Schweiz. «Der Schwiegersohn von Willi Studer hat mich gefragt, ob ich bleiben möchte. Am 26. Januar 1967 habe ich bei Revox angefangen», erklärt er und klappt eine mausgraue Samtschatulle auf. «Diese Medaille aus purem Gold habe ich zu meinem 25-Jahr-Firmenjubiläum bekommen», sagt er. «Par sit fortuna labori» – dass der Erfolg der Arbeit gleiche, steht in Latein auf ihrer Rückseite. Im Jahre 1990 dann der Anfang vom Ende – die Studer International AG und Revox Ela AG werden verkauft. «Das Schweizer Elektronik-Imperium wird vom Ausland übernommen, schrumpft, Mitarbeiter werden auf die Strasse gestellt. Ich verliess die Firma im November 2001 aus freiem Entschluss», erinnert sich Di Benedetto, zuckt mit den Schultern und seufzt.

Der Servicetechniker mietet sich im Regensdorfer Industriequartier eine Werkstatt. «Reparieren können viele. Aber ich bin der Einzige, der alle alten Teile hat und von Grund auf revidiert. Manchmal mit der Lupe. Ich gehe tief in die Tiefe», sagt er. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt. «Es sind Leute mit Kultur, die Hörgenuss in höchsten Sphären zu schätzen wissen. Ein Kostenvoranschlag wird selten verlangt.» Ob es sich heutzutage überhaupt noch lohne, ein Tonband oder einen Plattenspieler für Tausende von Franken wieder aufzurüsten? «Revox schmeisst man nicht einfach weg», meint Di Benedetto und schaut mit strengem Blick über den Rand seiner Lesebrille. Was für eine Frage.

Willi Studer in Öl

Er steht neben dem Sicherungskasten an die Wand gelehnt: Firmengründer Willi Studer, einer der ganz grossen Schweizer Unternehmer, in Öl, auf Leinwand, gerahmt. «An seinem 70. Geburtstag kamen alle 800 Arbeiter um 5 Uhr, um ihren Patron zu überraschen. In seinem Büro wartete ein Kunstmaler – das hier ist das Ergebnis.» Di Benedetto hat das Gemälde von Studers Tochter Erika geschenkt bekommen. «Fürs Museum, aber damit ist es auch vorbei. Jetzt ist er hier und bleibt hier.»

In der Werkstatt warten noch unzählige Aufträge. «Wenn ich das hier alles fertig habe, gehe ich zurück nach Süditalien», sagt er. «Auf mich warten das Meer und hausgemachte Teigwaren.» Und noch etwas erwartet den Regensdorfer Revox-Papst in seiner Heimat – ein komplettes Ersatzteillager aus der italienischen Revox-Vertretung, die 1994 geschlossen wurde. Di Benedetto hat sie in weiser Voraussicht aufgekauft, auf dass es ihm nach der Pensionierung nicht langweilig werde. Einmal Papst, immer Papst.


Vom Winde verweht
Am 14. Juni 2005 wurde im ehemaligen Büro von Willi Studer in Regensdorf der Museumsverein Studer Revox gegründet. Der Verein sollte die Hinterlassenschaft des Audiopioniers sichern und aufarbeiten. Möglichst lückenlos sollten Dokumentationen der noch vorhandenen Geräte, Archive und Publikationen der Nachwelt erhalten bleiben.

An der ausserordentlichen Generalversammlung des Museumsvereins wurde am 3. November 2009 beschlossen, den Verein aufzulösen und das Museum zu schliessen. «Die Studer-Sammlung wurde in alle Winde zerstreut. Nie mehr wird sie in dieser Zusammensetzung zu sehen sein», sagt Hans-Helmut Schoor, Gründungsmitglied des Museumsvereins. «Meine Spezialität sind Revox-Geräte. Ich habe sie gesichert und warte nun auf eine Gelegenheit, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen», sagt er. Momentan sucht der Revox-Fan Räumlichkeiten und Sponsoren für ein neues Museum. (beb)
 
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